Der Thieplatz von Räbke

Landkreis Helmstedt

Versammlungs-, Gerichts- und Festplatz

 

 

 

Der von Kastanien gesäumte Thieplatz von Räbke, ist der Einzige im Braunschweiger Land, der in seiner vollen Größe erhalten geblieben ist. Er liegt auf einer Hochfläche am Nordrand des Dorfes und misst annähernd 70 x 70 m. Die älteste Darstellung des Thies an dieser Stelle findet sich auf Karten des 18. Jh.
Der Platz ist zugleich als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen.

 

 

Brauttanz, Mädchen- und Sommerfest

Die Thie als Festplatz des Dorfes hat eine lange Tradition in Räbke.
Im 19. Jahrhundert war der Brauttanz auf dem Thie fester Bestandteil der mehrtägigen Hochzeitsfeierlichkeiten. Auf dem Rasen hatte die Braut mit jedem Tänzer, der Bräutigam mit jeder Tänzerin drei Tänze zu tanzen. Am 24. Juni, zu Johanni, fand alljährlich das Fahnenfest statt, das von den Räbker Mädchen ausgerichtet wurde. Sie bezahlten die Musikanten und rund um die in die Erde gesteckte Fahne wurde getanzt.
Noch heute findet alljährlich das dreitägige Räbker Sommerfest, das die Vereine abwechselnd ausrichten, mit Umzug, Festzelt, Darbietungen, Tanz und Karussell auf dem einladenden Platz unter den Linden und Kastanien statt.

 

 

Auf dem Sommerfest in den 30er Jahren des 20. Jh. wurde das Karussell noch mit der Hand betrieben. Foto: Ortsarchiv Räbke

 

 

Was ist ein Thie?

Die im Mittelalter entstandenen Thieplätze (wissenschaftlich Tie) waren Versammlungsorte der Bauerngemeinde, Stätten der dörflichen Rechtspflege und Festplatz. Unter dem Vorsitz des Bauermeisters fand das Bauergericht statt, bei dem über kleinere Vergehen wie Diebstahl, Betrug oder Grenzstreitigkeiten verhandelt wurde. Daneben wurden öffentliche Angelegenheiten beraten und die Anordnungen der Obrigkeit verkündet. Bis um die Mitte des 19. Jh. hatten die meisten Dörfer des Braunschweiger Landes einen Thieplatz, der ursprünglich im Dorfzentrum gelegen hat. Mit dem
Wachsen der Dörfer ist er meist an den Dorfrand verlegt und später in Ackerland umgewandelt worden. Der Name Thie hat sich jedoch häufig in Flur- oder Straßennamen erhalten.
Das Wort Tie ist auf das mittelniederdeutsche Tî (Aussage) und dem davon abgeleiteten zîhan (zeihen, anklagen, beschuldigen) zurückzuführen. Es hat sich in verzeihen oder der Redewendung jemanden des Unrechts zeihen erhalten. Der Begriff Thie oder Tie ist nicht mit Thing zu verwechseln, der die Versammlung der freien Männer einer Sippe bei den Germanen bezeichnete.

 

 

Im Mittelalter fand das Gericht häufig im Schutz von Bäumen, meist einer oder mehrerer Linden, statt.
Gerichtslinde von Mühlhausen/Schweiz
Copyright: Diebold-Schilling-Chronik 1513 – Eigentum der Korporation Luzern.

Die sieben Linden

Auf dem kleinen Hügel im Südwesten des Platzes standen einst sieben prächtige Linden, die in den 1970er Jahren gefällt worden sind. Die heutigen Linden sind neue Anpflanzungen. Unter den Bäumen befand sich vermutlich ursprünglich die Gerichtsstätte, die mit einer Einfassung sowie einem Gerichtstisch und Bänken ausgestattet war.
Eine Räbker Sage berichtet, dass die Linden für sieben im 30jährigen Krieg gefallene Offiziere gepflanzt worden seien. Friedrich dem Großen sollen sie so gut gefallen haben, dass er auf seiner Hochzeitsreise eine Rast unter den Bäumen einlegte.

 

 

Die sieben Linden auf dem Hügel im Südwesten des Thies könnten den ehemaligen Gerichtssitz markieren.
Foto: Ortsarchiv Räbke

 

 

Archäologische Funde

Die ältesten Funde vom Räbker Thieplatz sind mehrere steinerne Äxte und Beile aus der Zeit um 4000 bis 3000 vor Chr. Sie belegen, dass die Gegend am Hang des Elms schon in der Jungsteinzeit besiedelt war.
Spinnwirtel und Gefäßscherben zeugen von der mittelalterlichen Nutzung des Platzes. Ob der Hügel mit den Linden auf einen vorgeschichtlichen Grabhügel zurück geht, kann nur eine Ausgrabung klären.

 

 

Text: Monika Bernatzky, Landkreis Helmstedt, Kreisarchäologie, 2015.