Mittelalterliche Hofanlage bei Flechtorf

Lkr. Helmstedt

Auf der flachen Kuppe oberhalb der im Tal der Schunter liegenden Wasserburg Kampen wurde bei der Erschließung eines neuen Baugebietes im Herbst 2001 eine überaus spannende archäologische Entdeckung gemacht: Beim Strassenbau tauchten zunächst niedrigen Trockenmauern auf, dann Gruben mit Keramikscherben aus dem 13. Jh. In einer mehrwöchigen Notgrabung durch die Bezirksarchäologie Braunschweig wurde ein Hofanlage freigelegt, die isoliert auf der Kuppe gelegen hatte. Deren Überreste sind mit orignalen Materialien in etwas veränderter Form hier wieder aufgebaut worden. Das isoliert gelegene Gehöft war offenbar ein Wirtschaftshof der nur wenige hundert Meter entfernten Burg Kampen. Möglicherweise diente er speziell den Bedürfnissen der Hirten der herrschaftlichen Herden.

Im Zentrum des Hofes lag ein großes Gebäude, von dem die Steinfundamenten noch weitgehend erhalten waren. Das Dach wurde von Ständern getragen, die auf Schwellbalken aufsaßen, die wiederum auf den Steinfundamenten lagen. Der Fußboden des Hauses lag in Höhe der Unterkante der Fundamentmauern, war also etwas eingetieft. Im Zentrum der Osthälfte des Hauses lag eine mehrmals erneuerte Feuerstelle. Die Wände des einstöckigen Gebäudes bestanden vermutlich aus senkrecht gestellten Spaltbohlen. Das Dach war mit Stroh oder Schilf gedeckt. An seiner Ostseite hatte das Gebäude einen kleinen Anbau mit einer Holzpfostenkonstruktion. Anbau und Haus waren auf einer großen, tennenartigen Fläche aus gestampftem Lehm errrichten, deren Südrand mit Steinen befestigt war. Unmittelbar davor sorgte eine Drainagegräbchen für den Abzug des Traufenwassers.

(Grabungsplan mit dem Fundament des Hauses und des Backofens im Osten und einem Brunnen im Westen.)


Etwas entfernt von dem Haus - vermutlich aufgrund der Feuergefahr - lag ein gemauerter Backofen, der einmal umgebaut worden war. Vor dem Ofen war eine Grube ausgehoben worden, die als Arbeitsgrube beim Befeuern und Einschießen des Backgutes diente. Der einfach konstruierte Ofen dürfte vorwiegend zum Backen von Broten gedient haben. Weiter westlich lag ein großer Graben unbekannter Funktion, vielleicht ein Viehtränke. Daneben wurde ein ca. 2,5 m tiefer Brunnen entdeckt, von dessen vergangener Holzkonstruktion nur noch Reste erhalten waren.

 

Aufgrund der gefundenen Scherben ist das Gehöft um 1250 erbaut worden. Seine Zerstörung erfolgte vermutlich im Zuge einer urkundlich überlieferten Belagerung der Burg Kampen durch die Braunschweiger Herzöge im Jahr 1279. Zahlreiche bei der Grabung gefundene Armbrustbolzen belegen einen kriegerischen Überfall, bei dem das Haus in Brand gesetzt wurde. Es brannte schnell nieder und unter dem zusammenbrechenden Dachstuhl blieben zahlreiche Metallgegenstände erhalten. Die Verteilung der Armbrustbolzen zeigt, dass der Überfall wohl von Süden und in den frühen Morgenstunden erfolgte, und die Bewohner des Hauses noch im Schlaf davon überrascht wurden.

 

Das mittelalterliche Gehöft von Flechtorf ist ein einzigartiges kulturgeschichtliches Zeugnis des Braunschweiger Landes. Nirgendwo sonst lassen sich so gute Einblicke in das Alltagsleben des 13. Jh. im ländlichen Raum gewinnen. Die vom Brandschutt begrabenen Fundgegenstände spiegeln das komplette Geräteinventar eines Hauses dieser Zeit wieder, wie es sich sonst kaum erhalten hat.

 



Nach der Zerstörung des Gehöftes legten die Belagerer eine rechteckige Schanze an, von der aus sie die Burg beschießen konnten. Die Reste dieser Schanze, der sog. "Pallwall", waren als flache Erhebung noch bis in die fünfziger Jahre des 20. Jh. zu erkennen. Bei den Ausgrabungen wurden davon jedoch keine Reste mehr aufgedeckt. Ursprünglich sind in heute bebauten Bereichen südlich von Burg Campen noch mindestens zwei weitere rechteckige Schanzen vorhanden gewesen, bei denen es sich um weitere Anlagen des kriegerischen Jahres 1279 gehandelt haben dürfte.