Der Tumulus in Evessen

Lkr. Wolfenbüttel

Mitten im heutigen Dorf Evessen, Lkr. Wolfenbüttel, liegt der vielleicht eindrucksvollste Grabhügel Niedersachsens: Steil gewölbt erhebt sich der von einer alten Gerichtslinde gekrönte Tumulus mit einer Höhe von annähernd 6 m und einem Durchmesser von 34 m. In den Stamm der Linde sind zahlreiche Nägel eingeschlagen - dem Volksglauben nach ein Mittel, um sich von Zahnschmerzen zu befreien. Beim Einschlagen des Nagels muss der folgende Spruch gemurmelt werden: "Nagel, ick klage dick, min tan de plaget mik in mik vergeilt - in dik bestreit, dat mik sin lewe nist wedder angeit". Der Zauber scheint recht wirkungsvoll zu sein, denn bis zum heutigen Tag gibt es in Evessen keinen Zahnarzt.

 

Ursprünglich waren drei große Grabhügel vorhanden, von denen einer 1745 geöffnet wurde. Dabei wurde eine von Steinen umpackte Urne gefunden, die nicht mehr erhalten ist. Die beiden zerstörten Hügel sind im 18. Jh. abgetragen worden, sind aber der Überlieferung nach genauso mächtig wie der Tumulus gewesen. Bereits 1938 wurden von dem Braunschweiger Landesarchäologen und der Fliegerbildschule Hildeheim ergebnislose Versuche unternommen, die Standorte der verlorenen Hügeln durch Luftbildauswertungen wieder aufzufinden.

 

Der Tumulus von Evessen gilt als Wahrzeichen der braunschweigischen Landesarchäologie. Er ist nicht gegraben worden, und es besteht eine Übereinkunft unter allen zuständigen Denkmalschützern, dass dies auch so bleiben soll. Damit bleibt die Datierung des Hügels jedoch offen: Infrage kommen alle vorgeschichtlichen Epochen, in denen Grabhügel errichtet wurden. Am wahrscheinlichsten erscheint eine Datierung in das Spätneolithikum oder in die frühe und ältere Bronzezeit. Es ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, dass der Hügel periodenübergreifend immer wieder für Bestattungen genutzt wurde und seine heutige Form erst im frühen Mittelalter entstanden ist. Die Überlieferung weiß zu berichten, das in dem Hügel ein goldener Sarg ruht und der Hügel selbst entstanden ist, als ein Riese sich die Erde von seinem Stiefel abkratzte und nach Evessen warf.

 

(Querschnitt durch den Galgenberg bei Klein Vahlberg. Die Buchstaben bezeichnen die Lage von Skeletten.)

Der Tumulus von Evessen gehört zu einer Gruppe besonders eindrucksvoller Einzelhügel, die auf hervorgehobenen Kuppen die Landschaft zwischen Elm und Asse beherrschen, die sog. "Hoch". Sein nächster Nachbar ist der "Muspott" bei Eilum, der leider teilweise zerstört ist. Besonders eindrucksvoll sind die beiden Hügel bei Klein Vahlberg am Ostrand der Asse. Beide liegen in Spornlage mit weitem Blick über das Braunschweiger Land. Der heute noch 4 m hohe Meescheberg besitzt einen Durchmesser von max. 45 m und wurde nicht ausgegraben. Der nördlich gelegene Galgenberg ist das einzige gegrabene Hoch. 1907 fand Franz Fuhse in seinem Zentrum eine beigabenlose, O-W orientierte Körperbestattung sowie zwei Hockerbestattungen. Vor dem Gesicht der östlichen Hockerbestattung lagen eine Silexklinge, eine geschweifte Henkeltasse und eine kalottenförmige Schale mit Standfuß. Vermutlich gehören die Gräber in den Übergang zwischen Spätneolithikum und früher Bronzezeit. Darüber war die zunächst noch kleine älteste Hügelschüttung angelegt. Darauf folgte eine zweite Hügelphase, zu der eine rechteckige, aus Bruchsteinen gelegte Steinpackung gehörte, die eine bereits beraubte Körperbestattung enthielt. Dieses Grab könnte möglicherweise in die ältere Bronzezeit datieren.

 

1,4 m oberhalb der Steinpackung und 2,2 m unter der Oberfläche des Hügels war eine 1,57 m große, grazile Frau bestattet. Das Grab war Süd-Nord ausgerichtet, mit dem Kopf der Toten im Süden. Neben dem Schädel standen ein Wölbwandtopf mit Standboden und ein fast vollständig vergangenes Holzgefäß mit u-förmigen Randbeschlägen aus Bronzeblech. Zu diesem Gefäß gehören zwei weitere mit Flechtbändern verzierte Beschläge aus vergoldetem Bronzeblech. Die in der Literatur häufig zu findende Deutung dieser Beschläge als Teile eines Helmes hat sich nach neuen Untersuchungen als falsch erwiesen.

 

Zur Bestattung gehörten weiterhin blaue und gelbe Glasperlen, ein ovaler Schnallenbügel aus Eisen sowie stark korrodierte kettengliederartige Eisenobjekte und ein Hakenschlüssel. Bei letzteren könnte es sich um die Bestandteile eines Gürtelgehänges gehandelt haben. Unmittelbar unterhalb der Knie wurden je eine Schilddornschnalle mit rechteckigem Beschlag und eine massiv gegossene Riemenzunge mit einer im Tierstil II gehaltenen Verzierung aus vergoldeter Bronze geborgen. Diese Riemenzungen sind Fremdformen im sächsischen Raum und weisen auf Kontakte mit dem alamannischen Kulturraum in Süddeutschland. Vielleicht handelt es sich bei der Frau um eine Alamannin, die Teile ihrer Schmuckausstattung aus ihrer Heimat mitgebracht hat. In jedem Fall gehörte die in der 1. Hälfte des 7. Jh. beigesetzte Frau sowohl aufgrund ihrer besonderen Beisetzungsform als auch nach der Qualität ihrer Grabbeigaben zur Oberschicht der hier ansässigen Bevölkerung.

 

Literatur:

M. Geschwinde, Evessen, der Tumulus im Ort. In: W.-D. Steinmetz (Red.), Das Braunschweiger Land. Führer zu den archäologischen Denkmälern in Deutschland 34, 1997, 303-306.

 

M.Geschwinde, L. Grunwald, Klein Vahlberg, Tumuli Meescheberg und Galgenberg. In: W.-D. Steinmetz (Red.), Das Braunschweiger Land. Führer zu den archäologischen Denkmälern in Deutschland 34, 1997, 308-314.