Gerichtsstätte im Lechlumer Holz

Stadt Braunschweig

Am westlichen Rand des Lechlumer Holzes verlief die alte Heerstraße, die von Wolfenbüttel kommend über Stöckheim und Melverode nach Braunschweig führte. Auf einer Kuppe über der Oker liegt hier die um 1600 erstmals historisch erwähnte Hauptrichtstätte des alten Fürstentums. Bis zu ihrer Verlegung auf den Wendesser Berg 1759 wurden hier die meisten Hinrichtungen der fürstlichen Rechtsprechung vollzogen. Auf Karten aus der Zeit um 1600 wird die Richtstätte zumeist mit einem großen Vierpfostengalgen und zwei kleineren Dreipfostengalgen sowie Richtpfählen und Rädern wiedergegeben. Die großen Galgen waren erforderlich, weil man die Leichname der Delinquenten in der Regel bis zu ihrer Verwesung zur Abschreckung hängen ließ.

Die Galgen wurden von den Mitgliedern der Zimmergilde gemeinsam errichtet, wie verschiedene überlieferte Abrechnungen belegen. Offensichtlich war kein Handwerker bereit, allein diese anrüchigen Arbeiten zu übernehmen. So wurden bei einem solchen Anlass der Zimmergilde 1703 drei halbe Fass Bier, drei Seiten Speck und Brot für 85 Personen gezahlt. 1730 waren die Mitglieder der Gilde erst bereit, neue Galgen aufzustellen, nachdem Musikanten mit ihnen gemeinsam zur Richtstätte gezogen waren und der Obergildemeister die ersten Späne von dem zu errichtenden neuen Galgen und zwei Pfähle gehauen hatte.

 

Hinrichtungen waren im Mittelalter und bis in die frühe Neuzeit oft mit den grausamsten Torturen verbunden. Neben Hängen und Enthaupten kamen Vierteilen, Rädern, Zerstückeln und Verbrennen häufig vor. Letzteres war vor allem die Haupthinrichtungsform für die so genannten "Hexen". Die Hexenverfolgungen hatten besonders während der Regierungszeit von Heinrich Julius (1589 bis 1613) ein erschreckendes Ausmaß angenommen. So berichtet eine Chronik von 1590: "In den Fasten dieses Jahres ließ der Herzog viele Hexenmeister und Zauberinnen zu Wolfenbüttel verbrennen, als wohin aus dem Lande Braunschweig, Göttingen und Cahlenbergischen Theils, alle Maleficanten zusammengebracht und gerichtet wurden .... Wie dann zu Wolfenbüttel öfters an einem Tag 10, 12 und mehr gebrant, und der Orts des Lecheln Holzes von den Zauberpfählen als ein kleiner Wald anzusehen gewesen".

(Rekonstruktion der alten Richtstätte.)

 

1759 wurde die Richtstätte auf den Wendesser Berg verlegt. Die Stätte im Lechlumer Holz geriet langsam in Vergessenheit, bis sie 1964 von dem Braunschweiger Stadtheimatpfleger Wilhelm Bornstedt wiederentdeckt wurde. Unter schützendem Wald ist der Richtplatz mit zwei rechteckigen, von Gräben umgebenen Podien gut erhalten geblieben. Zufahrtsrampen führen zu jedem der Podien von der alten Heerstraße, dem heutigen Feldweg. Auf Betreiben von W. Bornstedt wurde der Platz bis 1981 vorsichtig wieder hergestellt. Zur Erinnerung an die Opfer wurde 1986 von Klaus-Dieter Raschke ein Gedenkstein gestiftet.

 

Der historisch bekannteste Delinquent einer Hinrichtung im Herzogtum Braunschweig war der Lübecker Bürgermeister Jürgen Wullenweber. Infolge religiöser und sozialer Auseinandersetzungen der Reformationszeit war er von 1536 - 37 auf der Burg Steinbrück eingekerkert und wurde nach einem, wir würden heute sagen, "Politischen Prozess" im September 1537 mit dem Schwert hingerichtet. Dass diese Hinrichtung bereits im Lechlumer Holz vollzogen wurde, ist wahrscheinlich aber nicht historisch verbürgt.

 

Literatur:

Wilhelm Bornstedt, Das herzogliche "Hohe Gericht" im Stöckheime Streithorn am Lecheln Holze vom 16. bis zum 19. Jahrhundert (Diebstahl, Mord, Raub und Hexenverbrennung). Denkmalpflege und Geschichte (Bausteine des Stadtheimatpflegers) 11. Braunschweig 1982