Wüstung Klein Freden

Stadt Salzgitter

Im Frühjahr 1993 wurden beim Bau der Grundschule im Zentrum von Salzgitter-Fredenberg überraschend die Reste mittellalterlicher Gebäude entdeckt. Aus einer sofort eingeleiteten Notgrabung durch die Außenstelle Braunschweig des Instituts für Denkmalpflege entwickelte sich ein bis 1995 andauerndes archäologisches Schwerpunktprojekt, bei dem es gelang, den Grundriss eines mittelalterlichen Dorfes fast vollständig zu erforschen. Die Ausgrabung wurde in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Salzgitter, Untere Denkmalschutzbehörde und den Grundstückseigentümern durchgeführt.

Vergleiche mit historischen Quellen führten zu dem Ergebnis, dass es sich um die 1180 erstmals urkundlich erwähnte Siedlung "Klein Freden" handelt. Die archäologischen Untersuchungen belegen, dass Klein Freden bereits um 1000 n.Chr. entstanden ist und in der ersten Hälfte des 13. Jh. verlassen wurde. Leider lassen die spärlichen Überlieferungen keine Rückschlüsse auf den Zusammenhang zwischen Klein Freden und Ober- und Niederfreden, dem heutigen Lichtenberg, sowie der ebenfalls 1180 zum ersten Mal genannten Burg Lichtenberg zu.

 

Einen ersten Überblick über die Ergebnisse der Ausgrabungen 1993 bis 1995 gibt die Rekonstruktionszeichnung. Obwohl viele Details noch wissenschaftlich überprüft werden müssen, vermittelt die Zeichnung einen guten Gesamteindruck der locker gestreuten Bebauung auf dem Südhand der Fredenbergwiesen. Allerdings haben mit Sicherheit nicht alle der dargestellten Gebäude gleichzeitig gestanden.

 

Im Zentrum der Siedlung ist das einzige Gebäude mit Steinfundament und Schornstein zu erkennen. Es handelt sich um ein evtl. sogar zweistöckiges repräsentatives Haus, in dessen Inneren die Reste eines Kamins festgelegt wurden. Dieses Gebäude ist wahrscheinlich erst nach der Mitte des 12. Jh. entstanden und zeigt, dass Klein Freden nicht ausschließlich von einfachen Bauern bewohnt wurde. Rechts von diesem Haus sind bei der Ausgrabung die darauf zulaufenden Wagenspuren eines Wees beobachtet worden, der wahrscheinlich zu einem Übergang über die Niederung im Bereich der heutigen Straße von Fredenberg nach Lichtenberg führt.

 

(Grabungsbefund eines Grubenhauses sowie dessen Rekonstruktion.)

 

Nordöstlich, d. h. rechts oberhalb des Steinfundamentsgebäudes, zentriert sich die mittelalterliche Bebauung. Hier befinden sich zahlreiche Grubenhäuser. Grubenhäuser sind bis zu einem Meter in den Boden eingetiefte Nebengebäude, deren Reetdach von zumeist sechs Pfosten getragen wurden. Bei einem schon im 11. Jh. abgebrannten Grubenhaus war die Wandverkleidung aus sorgfältig aufgebrachtem Lehmputz noch gut erhalten. Im Brandschutz befanden sich auch Teile eines Türschlosses und der Schlüssel. Die Funde, vor allem zahlreiche Eisenmesser, aber auch ein vollständiger Flachshebel belegen, dass die Häuser vor allem zum Weben aufgesucht wurden.

 

(Während der Grabungen gefundene Kugeltöpfe, Knochennadeln und Spinnwirteln, die heute im Städtischen Museum Schloß Salder ausgestellt sind.)

 

Schwierig gestaltet sich der archäologische Nachweis der übrigen Bebauung. Während des Mittelalters vollzog sich mit dem Wechsel von der Pfosten- zur Ständer- und Schwellenbauweise ein wichtiger technologischer Schritt in der Geschichte des Hausbaus. Für die "modernen" Gebäude in Schwellenbauweise sind jedoch kaum noch Eingrabungen im Boden erforderlich, so dass sie sich bei archäologischen Untersuchungen in der Regel nicht mehr beobachten lassen. Der hier gezeigte Entwurf ist, was die größeren Häuser betrifft nur eines von mehreren zz. diskutierten Modellen zur Rekonstruktion der mittelalterlichen Bebauung in Klein Freden.

 

Hervorragend erhalten dagegen 12 Brunnen, die relativ gleichmäßig über das Gelände verstreut sind. Die aus Kalkstein gemauerten und bis zu 5,5 m tiefen Brunnenschächte enthielten ein reichhaltiges Fundmaterial, darunter zahlreiche Reste von Tieren und Pflanzen, aber auch vollständige Gefäße. Die aufwendigen Brunnen deuten auf einen hohen Wasserbedarf, der nicht durch den morastigen Uferbereich, der die Siedlung auf drei Seiten umgebenden Gewässer gedeckt werden konnte. Wahrscheinlich besteht ein Zusammenhang mit der im 12. Jh. in Klein Freden betriebenen Pferdehaltung, die auch im übrigen Fundmaterial gut belegt ist.

 

Klein Freden ist eine der am besten erforschten mittelalterlichen Siedlungen in Südostniedersachsen. Obwohl nach der modernen Bebauung des Geländes von den Relikten des 11. und 12. Jh. nicht mehr erhalten geblieben ist, bleibt dies ein wichtiger Ort für die Geschichte der Stadt Salzgitter.